Oliver Kortes Musik hat ihre ganz eigene Sinnlichkeit. Ihre Texturen – deren Gestalt sich stets einer im Hintergrund wirkenden, komplexen Konstruktion verdankt – können glatt sein oder rau, dicht oder aufgelockert, klirrend kalt oder kochend heiß. Solche Texturen dienen Korte als musikalische Entsprechungen zur physischen Welt. Er setzt sich auseinander mit chemischen Substanzen (Die Elemente, Einige Überlegungen zur Natur des Wassers), Himmelsrichtungen (Kompass) und Klimaphänomenen (FrostWintergesänge). Ihn interessieren die Wunder der physischen Welt und die Optionen und Grenzen des Menschen darin. Im Zentrum seines aktuellen Großprojektes stehen astronomische Erscheinungen; Auskopplungen daraus sind Copernicus-Material für Streicher und Epiphanie für Kammerorchester. Angesichts der Ungeheuerlichkeit der wirkenden Kräfte wird Selbstverständliches zu einem Rätsel. Mit seinen Kompositionen stellt Oliver Korte scheinbar gewöhnliche Dinge in ein neues Licht und schafft eine wachsende Sammlung von Diskursen über physische Erscheinungen.

Eine wichtige Werkgruppe charakterisiert Korte als "landschaftlich". Diese oft winterlichen Stücke kreisen um das Assoziationsfeld Kälte – Stille – Leere. Dazu zählen das frühe Ensemblestück Wintergesänge über acht japanische Haikus, das Klavierstück zögern ... schweigen, das Sextett rien nul und vor allem die Kantate Essay. Letztere wurde 2005 in der Berliner Philharmonie durch die Sopranistin Silvia Weiss, die Berliner Cappella und das Deutsche Filmorchester unter der Leitung von Kerstin Behnke uraufgeführt. Als Textgrundlage dienen neben je einem Satz der Philosophen Montaigne, Voltaire und Pascal vor allem Wetterberichte. Essay möchte gehört werden, wie man Wetterlagen erlebt.

Eine ganz anders geartete Gruppe von Kompositionen zeichnet sich durch eine treibende Motorik aus. Charakteristisch ist hier die Arbeit mit komplexen rhythmischen und metrischen Überlagerungen; so in Music for a Wolf für Marimba oder den kristallinen Studien Frost für Glockenspiel und Klavier. Das Hauptwerk dieser Gruppe ist das 2006/07 entstandene Konzert Die Elemente für zwei Schlagzeuger und Orchester, dessen sieben Sätze sich auf chemische Grundsubstanzen beziehen.

Das Chorstück alles fort (1998/99) war der Ausgangspunkt für die Entwicklung kalkulierter Streuungsverfahren. Seitdem arbeitet Korte vermehrt mit wechselnden Dichten und Körnungen sowie gezielten Unschärfen; so bezeichnet er seine Komposition Kies (2002) für vier Klarinetten als "Musikalisches Schüttgut".

Der Raum spielt in den neueren Werken eine immer wichtigere Rolle. Zu Stücken, deren Disposition in getrennten musikalischen Schichten eine räumliche Vorstellung evoziert, treten konkrete Raumkompositionen. In alles fort sind drei gleich große Chorgruppen im Auditorium verteilt, in Essay stehen dem Orchester drei kleine Fernensembles ("Concertini") gegenüber. Schließlich bilden die Musiker im Orchesterstück Epiphanie (2007) einen Kreis um das Publikum.