Begleittext
Anmerkungen zu: Essay, Kantate für Sopran, Chor und Orchester
Die Kantate Essay für Sopran solo, großen gemischten Chor und Orchester wurde von der Berliner Cappella im Jahr 2003 in Auftrag gegeben; die Komposition wurde im September 2003 begonnen und am 4. Mai 2005 abgeschlossen.
Mehrere Stränge des bisherigen Schaffens von Oliver Korte laufen in Essay zusammen, insbesondere eine Reihe von Kompositionen, die um existenzielle Fragen kreisen. Zu nennen sind vor allem das im Jahr 2002 durch das SWR Vokalensemble Stuttgart uraufgeführte Vokalwerk alles fort (1998/99) für drei im Raum verteilte Chorgruppen und das Sextett rien nul für Flöte, Klarinette, Streichtrio und präpariertes Klavier (2002), ein Auftragswerk für das modern art sextet. In alles fort vertont Korte das Gedicht Psst! von Joachim Ringelnatz. Dieser für Ringelnatz ungewöhnlich düstere Text schließt mit den Zeilen: Und im dunkelsten Schatten | Lies das Buch ohne Wort. | Was wir haben, was wir hatten, | Was wir – – | Eines Morgens ist alles fort. Für den Titel des Sextetts steht ein kurzes Gedicht von Samuel Beckett Pate: rien nul | n’aura été | pour rien | tant été | rien | nul (Nichts, niemand wird gewesen sein, | um nichts soviel gewesen sein. Nichts, niemand.)
Auf den ersten Blick scheinen die Dinge im Falle von Essay anders zu liegen, denn hier dominieren Alltags- und Gebrauchstexte, genauer Wetterberichte und vermischte Nachrichten (Miszellen). Diese Texte – die ausschließlich dem Chor zugewiesen sind – sind anspruchslos; im Hinblick auf die Nachrichten, die sich jedes Chormitglied selbst aus der aktuellen Presse heraussuchen soll, fordert Korte sogar, dass sie unbedingt unbedeutend sein sollen. Gerade das ist aber der Kern ihres Wesens: Sie sind Teil einer unendlichen, ununterbrochenen Flut kleiner und kleinster Ereignisse, die zusammen Basis allen Geschehens sind; so typisch sie sein mögen, so zufällig ist es, dass gerade sie und keine anderen unbedeutenden Ereignisse ins Gesichtsfeld treten. Sie erscheinen pars pro toto.
Gerade das Wetter wird bei Korte zum Musterbeispiel für Prozesse, deren Wesen der Mensch vielleicht zu verstehen, die er aber nicht zu beherrschen vermag und von denen er darüber hinaus in hohem Maße abhängig ist. Die Bedingungen, nach denen Wetter entsteht, sind stochastisch, behalten also stets einen unkalkulierbaren Rest. Zugleich aber bilden sie klare Ordnungen aus – Ordnungen wie Luftschichten, Wetterfronten, Zyklonen oder Wolkenformationen. Hier liegt für Korte ein ästhetischer Ansatzpunkt; vergleichbare Prozesse werden in seinen neueren Werken seit etwa 1998 bedeutsam. Er selbst spricht von musikalischen „Teilchenströmen“; diese erscheinen in höchst unterschiedlichen Gestalten, z.B. als durch den musikalischen Raum huschende Tonscharen, als statistische Streuungen innerhalb definierter Tonfelder oder als „ausfransende“ Tonfäden. Statistische Ansätze schlagen sich auch in manchen Werktiteln nieder. So nennt Korte sein Quartett für vier Klarinetten aus dem Jahr 2002 Kies und charakterisiert es näher als „musikalisches Schüttgut“. Bei aller Streuung in Detail bilden sich jedoch stets deutlich wahrnehmbare und akustisch voneinander trennbare musikalische Gestalten aus, Gestalten, die sich z.B. ineinander verschlingen können oder sich – wie im zweiten der drei großen Abschnitte von Essay – wie Wolkenschichten übereinander schieben.
Dem Chor, dem Sopran und dem Orchester kommen ganz unterschiedliche Funktionen zu. Das Orchester repräsentiert – etwas vereinfacht ausgedrückt – die Realität; der Chor erfüllt die Funktion des Berichtens, die Sopranistin aber kommentiert: Sie singt drei aphoristische Sentenzen der französischen Philosophen Montaigne, Voltaire und Pascal.
Das ganze Werk verläuft als eine große Anti-Klimax: nach einem turbulenten ersten Teil breitet sich immer tiefere Ruhe aus; das Tempo und die dynamische Intensität sinken und auch die Dichte der musikalischen Texturen nimmt immer weiter ab. Zum Schluss geschieht etwas, was in anderer Form auch schon in früheren Werken Kortes zu beobachten ist, ein Vorgang, den der Komponist als „Kristallisation“ beschreibt. Die musikalischen Bewegungen werden in strengen mathematischen Proportionsgefügen und Zahlengittern fixiert, sie frieren gleichsam ein. Die musikalischen Kristalle sind hier keineswegs, wie man vielleicht erwarten könnte, verdichtet und kompakt, sondern im Gegenteil weiträumig, luftig – und kalt. Der letzte Abschnitt mündet in Blaise Pascals Formulierung der fundamentalen Unaufgehobenheit in einer großen, schweigenden Leere.
Am Schluss steht eine Anweisung, mit der die (musikalische) Zeit symbolisch aufgehoben wird. Nachdem – wie bereits erwähnt – das Tempo bereits von Abschnitt zu Abschnitt stetig abgenommen hat, erscheint direkt über dem finalen Doppelstrich die Metronomangabe Viertel gleich Null. Jan Dvorák
Teil 1
Chor: In Mitteleuropa herrscht kühles und stürmisches Wetter. Der Sturm erreicht in Böen Orkanstärke. An der Küste besteht Sturmflutgefahr.
Sopran: Alles ist unregelmäßige und ständige Bewegung, ohne Führung und ohne Ziel. (Montaigne)
Chor: Das Wetter bleibt kühl und stürmisch. In Ost- und Südeuropa gehen kräftige Regengüsse nieder und örtlich entladen sich Gewitter mit Hagelschlag. Nur in der Türkei zeigt sich die Sonne.
Teil 2
Sopran: Niemand hat gefunden...
Chor: Dichte Wolkenfelder ziehen über Mitteleuropa. Morgens hält sich lange zäher Dunst und Hochnebel.
Chor: Von Norwegen bis Spanien liegt Europa unter einer geschlossenen Wolkendecke.
diverse aktuelle Miszellen (gesprochen)
Sopran: Niemand hat gefunden oder wird je finden. (Voltaire)
Chor: diverse aktuelle Miszellen (gesprochen)
Chor: Es bleibt neblig-trüb. Die Temperaturen steigen nur noch auf um drei Grad.
Teil 3
Chor: Zwei Tiefs lenken kalte Luft von Skandinavien nach Mitteleuropa. Statt Regen fällt fast überall nur Schnee. In Nordfinnland und Nordrussland bleibt es überaus kalt und winterlich.
Chor: Kalte Luft strömt vom Nordmeer nach Mitteleuropa. So schneit es dort bis in die tiefsten Lagen. In den Bergen Frost.
Sopran: Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern. (Pascal)