Begleittext
Anmerkungen zu: rien nul für Sextett
Mit Morton Feldman teilt Oliver Korte ein faible für die luziden Endspiele Samuel Becketts. Im Jahr 2002 schreib er seine „Musik für Samuel Beckett“ mit dem Titel „rien nul" für Sextett aus Flöte, Klarinette, präpariertes Klavier, Violine, Viola und Violoncello. Als Motto hat er eine Passage aus der 1978 veröffentlichten Gedichtsammlung „mirlitonnades“ von Beckett vorangestellt:
rien nul | n ́aura été | pour rien | tant été | rien | nul
nichts, niemand wird gewesen sein um nichts so viel gewesen sein nichts niemand
Anhand dieses kurzen Gedichts, eines Beckettschen Haikus sozusagen, unternimmt Korte eine musikalische Reise in die Vergänglichkeit der Klänge. Mit großer Umsicht hat Korte sein Instrumentarium für das flüchtige Unterfangen sensibilisiert. Das Klavier etwa imitiert mit präparierten Bass-Saiten Gong-Klänge; sein durch zahlreiche Spieltechniken variierter Ton wird durch den geschlossenen Deckel gedämpft. Die Streicher sind durch Flageoletts und „flautando sul tasto“-Spiel gleichsam entmaterialisiert. Aus den solcherart skizzierten Gespinsten tauchen einzelne großintervallische Gesten auf, in denen sich die Instrumente zu individualisieren trachten, um wieder im Kollektiv der mannigfach verwobenen Klangfelder unterzugehen – gravitieren sie doch schillernd um dasselbe (Tritonus-dominierte) Tonmaterial, das sie mitunter gar im unisono anstimmen. Aber was heißt schon „dasselbe“? Ist ein pianissimo gespieltes „f“ der Flöte dasselbe die eine mit der Fingerkuppe angeschlagene „f“-Saite im Klavier? Das Vexierspiel mit Identität und Nicht-Identität, mit Sein (Ton/Geräusch) und Nicht-Sein (Pause) prägt das intrikate Ineinander der Instrumente und auch die percussiven stimmlichen Einwürfe der Streicher. Schon bald vereinsamen die Gesten im zusehends zerfurchten Satz und erstarren zu großen, durch polyrhythmische Repetition in ein temporäres Leben gezitterten Klangfeldern. Der Sog des Verstummens, das „Nichtswärts“ aber ist übermächtig – und so schließt der finale Partitureintrag „niente“ dem ersterbenden Duett von Violine und Cello sanft die Lider. Horst A. Scholz