Begleittext

Anmerkungen zu: winterblau – löwenfarben für Chor

Das Chorstück winterblau – löwenfarben ist aufgeladen mit Geschichte. Nicht dass wir eine Wahl hätten. Wie auch immer müssen wir auf das Vorgefundene reagieren; wir können uns davon nicht frei machen. Dieses Stück versucht es gar nicht erst. Im Gegenteil rafft es geradezu den ganzen alten Plunder zusammen. Farben vor allem. Farben des Dichters Benn: blau und grau; Farben des Malers Rembrandt: Orange und Ocker, Stimmfarben und Phonemtimbres, wie das "i" des Wortes "Winter", das zu Beginn mehr als eineinhalb Minuten lang erklingt; dann ein plötzlicher Wechsel der Vokalfarbe wie in einem Organum von Perotinus. Historische Modelle werden angeschwemmt: passus duriusculus, tetrachordum molle, Quintfall wie bei Schein oder Buxtehude – Strandgut aus der kollektiven Erinnerung. Plagiat! Erinnert die Fächerfigur des Anfangs nicht an Bach oder vielleicht doch eher an Ligeti? Oder an einen dritten Komponisten, den ich gar nicht kenne? Ist das Stück nicht stellenweise etwas zu modal oder vielleicht etwas zu zwölftönig oder womöglich beides zugleich?  Dieses Stück kommt zweifellos direkt aus dem musikalischen Urschlamm. Es ist hochgradig kontaminiert. Vor seinem Genuss muss gewarnt werden. OK

Gottfried Benn: Auszüge aus einer Kladde der Jahre 1952/53

wer kann und will u darf das Dunkel deuten
den grauen Frost, die Gärten trüb u leer – –
Du hast so lange unter Schnee gelegen
winterblau, löwenfarben